Warum das “daß” tot ist, aber nicht das “ß”

Publiziert am: 14.11.2012 | Kategorie(n): Blog Schreiben im Beruf | Verschlagwortet mit:  ,

Vor sechs Jahren haben neue Rechtschreibregeln die alten ab- und eine laute Welle der Empörung ausgelöst. Die regelrechte Panik, in die sie viele Menschen gestürzt hat, blieb laut- aber nicht folgenlos.

Für viele saß der Schock so tief, dass sie begannen, jedes “ß” durch ein “ss” auszutauschen. Ich vermute, es war die hilflose Reaktion von all denjenigen, die nicht wie Ewig-Gestrige wahrgenommen werden wollten und deshalb begannen, die “ss”- statt “ß”-Schreibweise gleich flächendeckend für die scharfe “s”-Laut-Schreibung einzusetzen, um zu demonstrieren, dass sie sich mit der Rechtschreibreform auseinandergesetzt haben.

Bis heute begegnen mir regelmäßig Überzeugungstäter, die Straße und draußen fleißig mit “ss” schreiben, weil sie davon überzeugt sind, dass das “ß” durch die Rechtschreibreform abgeschafft wurde.

Das finde ich schade. Denn an keiner anderen Stelle wurde die deutsche Rechtschreibung so eindeutig und logisch reformiert wie bei der Schreibung des scharfen “s”-Lautes.

Die heute gültige Regel lautet:

  • Nach kurzem Vokal steht “ss” wie in Fluss, krass, bisschen, bissig, du musst und eben auch “dass” (als Konjunktion). [Deswegen ist unser altes "daß" ausgestorben.]
  • Nach langem Vokal und Diphtong (Doppellaut: au, eu, ei etc.) steht “ß” wie in Straße, fließen, fleißig, draußen oder Maß.

Diese Regel hatte mich wegen ihrer Überschaubarkeit total davon überzeugt, dass man mit ihr keinen s-Laut mehr falsch schreiben kann. Zumal es keine Ausnahmen gibt. Bis mein Sohn letzte Woche mit seinem Deutsch-Diktat nach Hause kam. Er hatte “Weißheit” statt Weisheit geschrieben. “Du hast doch gesagt, nach Diphtong schreibt man ‘ß’.”

Seitdem weiß ich, dass die scharfe s-Laut-Regel nur mit folgendem Zusatz vollständig ist:

  • Ob für einen scharfen s-Laut am Ende eines Wortes nach langem Vokal oder Diphtong ein einfaches “s” oder ein “ß” steht, hängt vom Wortstamm ab. In einem solchen Fall hilft nur der Test mit der Wortverlängerung: Weisheit kommt von weise, er las kommt von lesen etc.

Über die Unvollkommenheit meines elfjährigen Sohnes hat mich übrigens wenig später eine Entdeckung im Poesiealbum meiner Tochter hinweg getröstet. Ihre Klassenlehrerin hatte darin Folgendes eingetragen:

“Ich wünsche Dir, das du viel Spaß am Lernen hast.”