Schreiben im Beruf / Business Writing (Teil 1)

Publiziert am: 11.05.2020 | Kategorie(n): Allgemein, Blog Schreiben im Beruf | Verschlagwortet mit:  , , , ,

Herausforderungen einer unterschätzten Alltagspflicht

Im Seminarraum herrscht emsige Stille. Alle Teilnehmer sitzen über ein Blatt Papier gebeugt und schreiben. Die eine schnell, der andere langsamer. Mancher drückt seinen Stift fest auf die Schreibunterlage, bei anderen gleitet er schwerelos von Zeile zu Zeile. Obwohl alle Teilnehmer meines Seminars „Kompetent Schreiben im Beruf“ die gleiche Aufgabe haben, fällt mir Markus B. in der zwölfköpfigen Runde auf. Mit hochrotem Kopf, sichtlich verschwitzt, sitzt der hellhäutige Mittdreißiger an seinem Platz und schnappt regelmäßig nach Luft. Seine gut durchblutete rechte Hand hält den Kugelschreiber umklammert als könne sie die Worte wie Essenzen herauswringen aus dem Kunststoffgehäuse des Schreibgerätes.

Ohne es selbst zu merken, quittiert Markus B. jeden formulierten Gedanken mit einem lauten Schnaufen wie ein Kelterer bei körperlicher Schwerstarbeit. „Ich habe ein sehr ungesundes Verhältnis zum Schreiben. Wenn ich schreiben dürfte, wie mir der Schnabel gewachsen ist… Aber schon in der Schule wurde ich immer für meine laxe Schreibweise kritisiert. Inzwischen habe ich richtige Hemmungen, wenn ich einen wichtigen Text schreiben soll, weil hinterher alle daran herumkritisieren.“

Von meinem Seminar „Kompetent Schreiben im Beruf“ hat der Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater über den Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen (VBKI) erfahren, der seine Mitglieder regelmäßig zu Fortbildungsveranstaltungen einlädt. „Alle sagen mir, ich kann nicht schreiben. Aber niemand kann mir erklären, wie ich es besser machen kann.“ Darum sei er hier.

Learning by doing

Die Schreiberfahrungen von Markus B. spiegeln die Situation einer Vielzahl von Erwerbstätigen, die meine Workshops besuchen. Wer heute berufstätig ist, muss schreiben. Ob das E-Mails, Briefe oder Angebote, Protokolle, Berichte, Gutachten, Anträge, Vertragsentwürfe, Pressemitteilungen, Flyer, Broschüren oder Fachartikel sind. Je nach Tätigkeitsschwerpunkt variieren die Schreibaufgaben zwar.  Es gibt jedoch kaum noch Berufsfelder, in denen Beschäftigte nicht regelmäßig bestimmte Textsorten verfassen müssen. Tatsache ist jedoch, dass Berufsanfänger in ihrer Ausbildung so gut wie nicht für zukünftige Schreibaufgaben gerüstet werden.

Wer keinen ausgewiesenen Schreibberuf wählt wie Jurist, Journalist oder  Theologe, eignet sich die Bewältigung seiner Schreibaufgaben in der Regel „learning by doing“ an. Zum Beispiel indem man erfahrenen Kollegen über die Schulter schaut oder ohne Vorkenntnisse ins kalte Wasser springt und sich wie Markus B. für unprofessionell zusammen gezimmerte Texte entsprechende Rüffel von Vorgesetzten abholt.

Unkenntnis macht unsicher

Professionelles Feedback, das konstruktiv ist und motiviert, erhalten die wenigsten, geschweige denn systematische Anleitungen für bestimmte Textsorten, die die Schreibanforderungen konkret und umsetzbar machen.

„Meine Texte gehen nie so an Kunden raus, wie ich sie geschrieben habe. Irgendjemand schreibt sie einfach um“, berichtet Markus B.

Für viele Berufstätige bleiben Schreibaufgaben vom Anfang bis zum Ende des Erwerbslebens mit einem Gefühl der Unsicherheit verbunden. Denn wer sich seine Schreibstrategien in Eigenregie aneignet, für den bleibt jede neue Schreibaufgabe eine Herausforderung.

Nur ungern allerdings sprechen Betroffene über ihre Unsicherheiten beim Schreiben. Auch Markus B. möchte anonym bleiben‚ weil er fürchtet, in seinem beruflichen Umfeld für seine Schwäche als inkompetent abgestempelt zu werden. ‚Schreiben kann doch jeder. Das lernt man in der Schule’ ist eine Meinung, die viele vertreten, die sich nie mit professioneller Schreibkompetenz beschäftigt haben. Und das sind die meisten. Tatsache ist jedoch: Wer eine deutsche Schule verlässt, hat im besten Fall folgende Schreibfähigkeiten erworben: die Schreibbewegungen der Hand, das Vermögen, Gedanken schriftlich festzuhalten, Rechtschreibung und Grammatik sowie Schulaufsätze schreiben. Zu einer professionellen Schreibkompetenz gehört jedoch sehr viel mehr.

Wie Sie berufliche Schreibkompetenz erwerben

Was dazu gehört und wie Sie eine professionelle Schreibkompetenz im Beruf erwerben können, erfahren Sie in Teil 2) meines Blogs, der demnächst hier erscheinen wird.